Eigentlich wollte ich ja Pilot werden…

„Es gibt keinen Kummer, den der Himmel nicht heilen kann!“

Thomas Morus

Durch meinen Vater bin ich Pilot geworden. Nicht etwa, weil er sich das so für mich ausgedacht hat. Nein, vielmehr weil er meine Leidenschaft für die Fliegerei ernst genommen und sie gefördert hat, soweit es ihm möglich war. Und weil er mich in den entscheidenden Momenten immer wieder an meine Leidenschaft und meine Berufung erinnert hat, wenn ich im Zweifel stand. 
Er ist mit mir zu verschiedenen Flughäfen gefahren – München, Frankfurt und Innsbruck. Er hat mich nachts um 03.00Uhr von München nach Frankfurt gefahren, damit ich dort die erste Landung eines A380 erleben konnte – ein weißes Flugzeug, das in ca. 50 Metern über dem Boden aus einer weißen Wolkendecke herausgeschossen ist. Acht Stunden Fahrzeit für zwei Minuten Glück. Er hat meine Sammelleidenschaft für Modellflugzeuge unterstützt und Arbeitskollegen und Freunde von ihm beauftragt, mir unzählige Sondermodelle von ihren Reisen mitzubringen. Er hat mich zu Fliegerei-Fachgeschäften gefahren, damit ich dort meine persönliche Bibliothek aufstocken und Zusätze für meinen Flugsimulator kaufen konnte. Er hat mit mir in unendlicher Kleinarbeit einen Modellflughafen mit absolut detailgetreuer Landebahnbefeuerung gebaut. Und er hat mich in der wohl entscheidendsten Phase meines beruflichen Werdegangs davon überzeugt, dass der Pilotenberuf meine Berufung ist. Und dass er hinter mir steht.

Und genau das ist es, was meinen Vater so besonders macht. Auch wenn unser Verhältnis manchmal sehr angespannt war, gerade an meiner Schwelle zum Erwachsenwerden, und von Streit und Zwist geprägt oder auch wenn er mich ab und an immer noch wie seinen kleinen Sohn behandelt – eines weiss und wusste ich gewiss: Dass Papa hinter mir steht und dass ich mich auf ihn verlassen kann. Immer und bedingungslos.
Ich hatte als kleiner Knirps von fünf oder sechs Jahren eine Polypen-Operation. Und ich hatte Angst vor der Narkose. Als ich sie bekommen habe, war er da und hat meine Hand gehalten. Und als ich im Aufwachraum war, lag er bei mir im Bett und hat mich festgehalten. Was insbesondere deswegen eine Leistung war, weil das Bett ein sehr kleines Zwergenbettchen für Kinder war und es für meinen Papa absolut unbequem gewesen sein muss. Aber er war da und ich war froh darum. 

Und das bin ich noch heute. Ich bin sehr stolz auf meinen Vater, weil er in einer Lebensphase, in der ihm privat wie beruflich alle Felle davon schwammen, trotzdem das Wohl seiner Kinder als höchstes Ziel vor Augen hatte. Damals habe ich das nicht so gesehen und ihm mancherlei Kummer beschert, aber heute verstehe ich, was er Wunderbares geleistet hat. Und ich bin ihm dankbar dafür, dass er mich im Frühjahr 2008, als ich vor der Wahl stand, Pilot zu werden und etwas zu riskieren oder aber einem Lehramtsstudium mit relativ sicherem Ausblick in die Zukunft nachzugehen, eindringlich an meine Leidenschaft Fliegen erinnert und mir seine uneingeschränkte Unterstützung zugesagt hat, wie auch immer ich mich entscheiden würde. Danke, Papa!

Alles begann im Sommer 1999. Ich war am Ende der ersten Gymnasialklasse, elf Jahre alt und wollte Arzt werden. Mein Vater war in diesem Sommer beruflich in Warschau, ist allerdings jede zweite Woche über das Wochenende per Flugzeugnach Hause, nach München gekommen.
Für mich bedeutete das ebenfalls, jeden zweiten Freitagnachmittag mit Mutti und den Geschwistern am Flughafen zu sein, um meinen Papa abzuholen. Es war jedes Mal aufregend, zu sehen, wie auf der Anzeigetafel in der Ankunftshalle die Statusanzeige seines Fluges von „gelandet“ auf „Gepäck“ wechselte und ich wusste, jetzt dauert es nicht mehr lange und Papa kommt. Dann den Blick durch die Menge an Menschen schweifen zu lassen, um ihn zu entdecken und mit den Schwestern zu wetten, wer ihn wohl als erstes sieht. Es hieß, jeden zweiten Sonntag Abschied zu nehmen. Aber außerdem jede zweite Woche Flugzeuge zu sehen, begeistert zu sein, wie sich so ein Koloss in die Höhe schwingt. Jede zweite Woche Ankunftsfreuden und Abschiedstränen anderer Menschen mitzuerleben. Jede zweite Woche die besondere Atmosphäre am Flughafen zu spüren und aufzusaugen.

Das waren Erlebnisse, die mich nachhaltig geprägt und in mir das erste Mal eine gewisse Begeisterung für Flugzeuge und Fliegen geweckt haben.

In diesem Sommer habe ich auch mein erstes Modellflugzeug bekommen. Das war eine Boeing 737 von der schweizerischen TEA Switzerland im Maßstab 1:500 von der Firma Herpa. Dieser Firma bin ich bis heute treu geblieben. Kurze Zeit später habe ich das erste Modell einer Concorde in den alten Farben der British Airways mein Eigen nennen dürfen – und die Begeisterung des Flugzeugsammelns war entstanden. Kein Wunder, die Qualität der Modelle ist auch wirklich erstklassig: Trotz einer Modellgröße von 3 bis 16 Zentimetern (je nach Flugzeugtyp) werden sie in jedem noch so kleinem Detail mit insgesamt gut 60 Farbschichten bedruckt und auch die Form ist fast in Perfektion dem Original nachempfunden.
Im Laufe meiner Sammlerkarriere wurden auch die Feinheiten wie Triebwerke, Triebweksaufhängung und ganz besonders das Fahrwerk immer originalgetreuer realisiert und das Sammeln eine immer größere Freude. In den folgenden Jahren wurde jede Mark und später jeder Euro eisern gespart und dann sofort in neue Flugzeugmodelle umgesetzt, auch zu Geburtstagen und Weihnachten gab es kaum andere Wünsche als Herpa-Flieger, sodass die Flotte heute eine Stärke von über 250 Flugzeugen zählt. Ich muss zugeben, dass ich die exakte Zahl der Modelle nicht kenne, da praktisch jeder Zähldurchgang ein etwas anderes Ergebnis geliefert hat.
Die Sammelleidenschaft – die meinen Papa ebenfalls ergriffen hat – hat sogar so weit geführt, dass wir Freunde oder Arbeitskollegen meines Vaters beauftragt haben, auf ihren Geschäftsflügen limitierte Modelle mit Sonderbemalungen an Bord zu erstehen oder für eine Sonderbemalung von Cathay Pacific einen Fachhändler in Hongkong aufzusuchen.
Mit der Sammelleidenschaft kam natürlich auch ein Katalog mit den Produkten der Firma Herpa – und damit begann für mich das Unterscheidenlernen von verschiedenen Flugzeugtypen und das Kennenlernen von internationalen Fluggesellschaften.

Die erste Begegnung mit einem echten Linienpiloten war an einem Samstagabend im Juni 2000 auf einem Sportfest in meinem Heimatdorf. Mein Vater hat mich auf ihn aufmerksam gemacht und gesagt, er wäre Co-Pilot bei der Lufthansa und würde außerdem bei uns in der Siedlung wohnen. Ich habe ihn den ganzen Abend lang beobachtet, voll Ehrfurcht und Respekt, mich aber nicht getraut, ihn anzusprechen. Später am Abend ist er alleine über den Fußballplatz geschlendert und ich wusste, jetzt wäre die Zeit ihn anzusprechen. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, wie ich ihm hinterhergegangen bin, langsam aufgeschlossen habe, wie ich neben ihm herging, das Herz bis zum Halse schlagend, beide schweigend und ich schließlich ohne ein Wort der Begrüßung oder des Vorstellens gefragt habe:

„Gerhard, bist Du eigentlich schon mal die 747 (also den Jumbojet) geflogen?“
„Klar“
„Wowwww!“
„Quatsch, ich bin Copilot auf der 737 auf Kurz- und Mittelstrecke“. 

Damit war das Eis gebrochen, wir haben an diesem Abend noch öfter miteinander gesprochen und mein Papa hat schließlich ihn und seine Familie für den kommenden Tag zum Grillen eingeladen. An besagtem Tag war ich schon morgens ganz nervös, habe alles, was ich an Fliegersachen hatte, v.a. Bücher und Modelle, auf meinem Schreibtisch drapiert und war einfach total aufgeregt. Was wir dann gesprochen haben, als er mein Zimmer angeschaut hat, weiß ich tatsächlich nicht mehr, aber an den Stolz und das Ehrgefühl, das ich empfunden habe, einen waschechten Piloten in meinem Reich begrüßen zu dürfen, kann ich mich noch heute, wo ich selbst Pilot bin, genauestens erinnern.
Gerhard ist in den kommenden Jahren eines meiner größten Vorbilder geworden, aber auch ein wichtiger Ansprechpartner, der sich fast immer Zeit genommen hat für mich, wenn ich mal wieder mit einem Haufen Fragen zu ihm zu Besuch gekommen bin. Diese Besuche liefen immer ähnlich ab: Ich habe mir zu Hause einen Zettel mit den Fragen geschrieben, um ja nichts zu vergessen, habe mich dann geistig auf das Gespräch eingestellt, um dann mit Aufregung und klopfendem Herzen die 120m zu seinem Haus zu gehen. Nachdem ich geklingelt hatte, konnte ich es meist nicht mehr aushalten vor Aufregung und Spannung, ob er wohl da sei und Zeit für mich hätte! Oft war er nicht da, aber wenn, hat er sich meist Zeit genommen und geduldig, aber mit Leidenschaft, meine Fragen beantwortet: „Warum ist das so? Wie funktioniert denn das? Wie mache ich jenes? Kannst Du mir erklären, wie…?“ Danach hat er mir immer tolle Geschichten aus seinem Fliegeralltag erzählt, die ich aufgesaugt habe wie ein Schwamm. Auf dem Nachhauseweg war ich dann stets berauscht und sicher, meinem Traum vom Fliegen einen großen Schritt weitergekommen zu sein.

Heute sind die Besuche weitaus seltener und auch mit weniger Aufregung verbunden, aber ich freue mich immer, wenn ich bei Gerhard und seiner Familie zu Besuch bin. Gerhard hat durch alles, was er mir an Erfahrungen ermöglicht hat, meinen Lebensweg sehr nachhaltig beeinflusst und dafür kann ich ihm nicht genug danken.

Kurz vor Weihnachten 2000 habe ich meinen ersten Flugsimulator bekommen – den FS98. Auch hier war, wie beim Modellesammeln, das erste Flugzeug eine Boeing 737. Im Vergleich zu späteren Simulatoren war die Grafik relativ unausgereift, die Qualität des Sounds schlecht und die Auswahl an Flugzeugen gering. Trotzdem war es für mich das genialste PC-Programm aller Zeiten. Zu Beginn bin ich lediglich auf den Rollwegen und Startbahnen herum gerollt, stundenlang, rauf und runter – es war die reinste Freude. Nach ein paar Tagen habe ich begonnen, Startbeschleunigungen zu probieren und dann bei einer gewissen Geschwindigkeit den Start abzubrechen. Und wiederum einige Tage später habe ich es auch mal gewagt, das Flugzeug in die Luft zu ziehen. Wann ich es allerdings das erste Mal geschafft habe, es auch wieder zu landen, optimalerweise sogar auf einer Landepiste und ohne eingebrochenes Fahrwerk, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls war es ein unbeschreibliches Gefühl, so ein Flugzeug, wenn auch nur simuliert, zu steuern und ich habe mit meinem Papa um jede Sekunde gefeilscht, die ich vor dem heimischen Cockpit verbringen durfte. Zusammen mit meinem damals besten Freund Daniel habe ich in den folgenden Monaten viele Flugversuche unternommen, stundenlang saßen wir vor dem Bildschirm bis wir überzeugt waren, endlich eine schöne Landung hinbekommen zu haben. In Büchern und Zeitschriften habe ich mich über die Instrumente informiert, habe versucht, sie zu interpretieren, was auch teilweise gelang, habe Beschreibungen verschlungen, aber trotzdem war das Instrumentengewirr „Cockpit“ eines der großen Geheimnisse, die vorerst ungelöst blieben.    

Das änderte sich, als sich Gerhard im April 2001 Zeit genommen hat, mit mir eine Platzrunde um den Flughafen München am heimischen PC zu fliegen – natürlich auf der 737, seinem Flugzeug. Das war längere Zeit vorher ausgemacht gewesen und ich war die Nacht zuvor und den Vormittag über voll Aufregung, habe mir dann zum „Fliegen“ eine schwarze Jeans angezogen (die zwar zu klein war, aber die einzige Hose, die ich hatte, die in etwa wie eine Uniformhose ausgesehen hat) und ein weißes Hemd (das zu groß war und in dem ich mich unbehaglich fühlte, aber das einzige Hemd, das in ungefähr meiner Größe zur Verfügung stand). Zum Fliegen habe ich dann zwei alte Kopfhörer parat gehabt, um auch die richtige „Umgebung“ zu simulieren. Eigentlich total kindisch, im Nachhinein betrachtet, aber Gerhard hat kommentarlos mitgemacht. Am Simulator hat er mir zunächst die Instrumente erklärt, ein bisschen erzählt, worauf ich so achten soll beim Fliegen und mir Tipps gegeben, wie ich die Landebahn treffen kann. Das war für mich total toll.
Besser wurde es noch zwei Monate später, am Wochenende vor den Sommerferien: Da hat er sich nochmal Zeit genommen und mir am PC erklärt, wie man den Autopiloten und das Instrumenten-Landesystem (im Fachjargon einfach „ILS“) benutzt. Das ILS ist eine Navigationsvorrichtung für den Landeanflug, bei dem es zwei Leitstrahlen gibt, die den Piloten sowohl horizontal als auch vertikal zur Landebahnschwelle führen. Der horizontale Strahl stellt dabei die verlängerte Mittellinie der Landebahn dar, der vertikale sorgt für einen kontinuierlichen Sinkflug in einem vorgegebenen Winkel (in der heutigen Fliegerei in der Regel 3°). Im Cockpit gibt es dazu ein Instrument, das diese Strahlen empfängt und darstellen kann in Form kleiner Rauten unterhalb und rechterhand des künstlichen Horizontes. Ist die Raute oberhalb/unterhalb bzw. rechts/links der Mitte, muss man einfach eine Korrektur in die Richtung der Raute vornehmen, um sie wieder in die Mitte zu bringen und somit wieder auf dem korrekten Flugpfad zu sein. Das hat Gerhard mir in der Theorie erklärt, auch wie ich den Autopiloten einstellen muss – und dann ging es los! Start Richtung Osten, Steigen auf 5000 Fuß Höhe, Linkskurve auf Landebahngegenkurs, Entlangfliegen parallel zur Bahn, nach 10 Nautischen Meilen (also gut 18km) wieder Linksdrehung um 150° auf Kurs Ostsüdost, damit wir die verlängerte Mittelbahnlinie erreichen. Je näher wir an sie herangeflogen sind, desto schneller hat sich die Raute des horizontalen Leitstrahls in Richtung Mitte bewegt. Der Autopilot hat das Flugzeug schlussendlich von selbst auf den Landebahnkurs eingedreht, um die Raute mittig zentriert zu halten. Als er auch noch selbstständig den Sinkflug eingeleitet hat und somit dem Rautensymbol des vertikalen Leitstrahls nachgeflogen ist, war es um mich geschehen und ich einfach nur fasziniert von der Technik! Spätestens zu diesem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass ich unbedingt Pilot werden muss! Mein bester Freund war bei diesem Flug auch dabei und als Gerhard gegangen war, sind wir beide den exakt gleichen Flug noch unzählige Male geflogen, immer noch fasziniert davon, dass so etwas möglich ist!
In den kommenden Jahren habe ich mir ein theoretisches navigatorisches Wissen durch viele Fachbücher angeeignet und im Simulator ausprobiert, von einfachen Überlandflügen von Funkfeuer zu Funkfeuer über navigatorisch kompliziertere Abflugrouten bis hin zu Flügen, die mithilfe des Flight Management Computers (bekannt als der „Bordcomputer“) durchgeführt wurden, in dem man die Flugroute in allen Details elektronisch einprogrammiert und sie dann auf einem Display graphisch dargestellt wird (ähnlich einem modernen GPS-Navigationsgerät im Auto). Dazu habe ich nach und nach viele Zusatzprogramme für den Simulator gekauft, bessere Flugzeuge mit tollen funktionstüchtigen Cockpits, dazu – das Auge fliegt ja schließlich mit – Zusatzszenerien, um auch das Landen, Rollen und Parken an den Flughäfen interessant und realistisch zu gestalten, und so weiter. Das erste „Add-On“ war die Flughafenszenerie des Flughafen München – mein Heimathafen! Es folgten Frankfurt, Düsseldorf und viele andere. Anschließend ein neues Flugzeug: die königliche Boeing B747, der bekannte Jumbo-Jet. Danach, die B777, im Februar 2003 die B767 und ein paar Monate später die B737. Wenn ich ein neues Flugzeug für den Simulator hatte, lief das immer nach demselben Schema ab: Zunächst wurde das Add-On installiert und der Flieger und das Cockpit im Simulator begutachtet. Anschließend wurde das Handbuch gewälzt, solange, bis ich mit jedem Knöpfchen des Cockpits vertraut war. Anschließend wurden alle möglichen Tipps gelesen, die das Handbuch für die „
operation“ des Flugzeugs bereithielt. Sobald ich mit der Theorie ausreichend vertraut war, habe ich den Simulator gestartet und mit viel Geduld und Leidenschaft versucht, alles Gelernte in die Praxis umzusetzen! Das war stets Aufregung pur, oft auch Frustration, oft hat es zu noch mehr Lektüre geführt und noch öfter zu Besuchen bei Gerhard mit ellenlangen Listen an Fragen.

 Zu der 737 gibt es noch eine nette Geschichte: Ich war damals 15 Jahre alt und hatte eBay für mich entdeckt, um möglichst günstig an die Add-Ons heranzukommen. So auch an das der 737. Am Nachmittag der Versteigerung, am Montag vor den Sommerferien, war ich entsprechend nervös, weil ich das unbedingt ergattern wollte. Also lief ich hibbelig durch die ganze Wohnung. Dabei hatte ich nicht aufgepasst und blieb mit dem kleinen Zeh an einer Türe hängen – gebrochen. Also auf zum Arzt, Zeh geschient, Auktion verpasst, todtraurig. Drei Tage später kam ich vom letzten Schultag nach Hause, zufrieden mit mir und der Welt, und fand ein Päckchen an mich adressiert vor. Überrascht öffnete ich es und was sprang mir entgegen: Eben jenes Add-On für den Flugsimulator inklusive einer zweistündigen VHS-Kassette mit einem Cockpitflug in jenem Flugzeugtyp. Mein Papa hat einfach an einer anderen Aktion mit gesteigert (die ich mir allerdings von meinem geplanten Budget nicht hätte leisten wollen und können) und mir damit ein unglaubliches Geschenk gemacht! So konnten die Ferien dann traumhaft beginnen. Danke, Papa!

Ich kann mich noch sehr gut an meinen allerersten Streckenflug im Simulator erinnern, von Stuttgart nach München. Dazu habe ich in meinem DIERCKE-Weltatlas eine Linie vom Flughafensymbol bei Stuttgart zum Flughafensymbol bei München gezogen und die Gradzahl ausgemessen – mit dem Geodreieck. Dann noch schnell die Länge der Strecke ausgemessen und kurz die voraussichtliche Flugzeit überschlagen. Das waren die rudimentären Anfänge von Flugplanung. Gesagt, geplant – los ging es: Start in Stuttgart Richtung Osten, Eindrehen auf den errechneten Steuerkurs und dann gespanntes Warten. Die ILS-Frequenz der Nordbahn von München habe ich schon vor dem Start in Stuttgart eingestellt und wartete nun, bis die Maschine die Signale empfangen konnte und sich die Rauten auf den Instrumenten bewegen würden. Das war Nervenkitzel pur! Hatte ich mich verrechnet? War ich schon über den Flugplatz hinweg geflogen? Eigentlich unmöglich, die Zeit war noch nicht rum. Dann, kurz vor Ablaufen der errechneten Flugzeit, haben sich tatsächlich die Rauten des ILS-Systems bewegt, wurden schließlich vom Autopiloten zentriert und schon waren wir auf dem Endanflug. Nach wenigen Minuten kam die Landebahn in Sicht, der Flieger wurde zum Landen konfiguriert und kurze Zeit später hat der Autopilot die 737 sicher und sanft auf die Nordbahn des Münchner Flughafens aufgesetzt. Unnötig zu erwähnen, dass ich während des Rollens zur Parkposition vor Stolz und Freude fast geplatzt bin!

Im August 2001 haben meine Eltern unserer Nachbarin zu ihrem 80. Geburtstag einen Rundflug von Augsburg aus über das Alpenvorland geschenkt. Auch meine Schwester sollte mitfliegen, was mich rasend eifersüchtig gemacht hat, zumal sie sich überhaupt nicht für das Fliegen interessiert. Also sind wir an jenem Tag mit unserer Nachbarin von unserem Dorf nach Augsburg gefahren, wobei ich nicht mitwollte, weil ich einfach den Gedanken nicht ertragen konnte, meine Schwester fliegen zu sehen und selbst am Boden bleiben zu müssen.
Naja, nach viel Überzeugungsarbeit hat mein Papa erreicht, dass ich doch mitgefahren bin. Am Flughafen selbst war ich natürlich in meiner Welt – Motorensummen, der Geruch nach verbranntem Flugbenzin und natürlich viele, viele Flugzeuge, wenn auch nur kleine Sportmaschinen. Mein Papa hat sich kurz um das Organisatorische gekümmert und uns angemeldet, kurze Zeit später kam auch schon der Pilot, ein überraschend junger Mann. Der hat uns begrüßt, sich kurz vorgestellt und unserer Nachbarin an einer Karte kurz die Flugstrecke erläutert. Dann hat er sie, meine Schwester und mich aufgefordert, mit ihm zu kommen. Ich war irritiert, sagte, ich fliege doch nicht mit, bis mein Papa dann mit einem breiten Lachen im Gesicht erklärte, dass ich auch mitfliegen darf. Da war ich einfach nur überrascht und habe vor Freude kein Wort herausgebracht.
Im Flugzeug durfte ich sogar vorne neben unserem Piloten sitzen, direkt vor den Armaturen – das war ein unbeschreibliches Gefühl. Nach kurzen Startvorbereitungen hat der Flugzeugführer den Motor angelassen und nach der Anmeldung beim Kontrollturm sofort die Rollfreigabe bekommen. Wenige Minuten später standen wir auf der Startbahn (für mich ein absolut wahnsinnig toller Anblick) und waren für den Start freigegeben. Der Pilot gibt vollen Schub, die Maschine wird relativ laut, beginnt zu ruckeln und langsam loszurollen, wir werden schneller, das Steuerhorn wird sachte zurückgezogen und das Flugzeug erhebt sich sanft in die Luft. Das erste Mal erlebe ich das unglaubliche Gefühl, in der Luft zu sein! Unbeschreiblich! Der Flug war toll, es gab Turbulenzen wegen der sommerlichen Thermik am Nachmittag, die unsere beiden Damen auf der Rückbank jedes mal haben aufquietschen lassen. Ich habe das Gefühl zu fliegen einfach nur genossen und unser Pilot war auch ganz in seinem Element. Auch die Aussicht war genial – die Heimat von Oben zu betrachten, zuerst Dörfer, die man kennt, dann nach Süden über den Ammersee, den Starnberger See und schließlich entlang der A8 Richtung Augsburg zurück. Zwischendurch sind wir um einige Cumulus-Wölkchen herumgetänzelt und anderen Flugzeugen begegnet – alles total aufregend. Schließlich hat unser Pilot den Sinkflug eingeleitet, der Flugplatz kam in Sicht, das Flugzeug wurde für die Landung vorbereitet und konfiguriert, noch eine Checkliste gelesen und schon sind wir sanft aufgesetzt. Kurzes Abbremsen, Abrollen von der Bahn, Rollen zur Parkposition, Abstellen des Motors. Stille. Aussteigen. Meine Beine waren weich wie Pudding und ich der glücklichste Mensch zurück auf Erden. Danke!

Bücher sind toll. Bücher haben Stil. Bücher sind aber auch teuer – v.a. fliegerische Fachliteratur. Im Vorfeld der Ausbildung haben sich Haufenweise Bücher angesammelt. Bücher über Flugzeugtypen, Bücher über Navigation, Flugfunk, Triebwerke oder Meteorologie, Bildbände, Bücher mit Fliegergeschichten, Bücher über Flugunglücke, Handbücher, Flugkarten, Fachbücher über Pilotenausbildung und andere Jobs in der Luftfahrt und so weiter und so fort. 

In der heimatlichen Dorf-Bücherei gab es ein Buch mit dem Titel „100x Luftverkehr“, ein Buch aus den 70ern, das einen Gesamtüberblick gibt über Flughäfen, Flugzeugtypen, Berufe der Luftfahrt, Navigation, Flugtechnik, Aerodynamik, gesetzliche Bestimmungen und Terrorismus. Dieses Buch wurde zu meiner Bibel, ich habe jedes Wort aufgesogen, jedes Bild, jede Tabelle, jede Grafik immer und immer wieder gelesen, vor dem Einschlafen, nach dem Aufwachen, in den Schulpausen, zu Hause, unterwegs. Das Problem: Es war ein geliehenes Buch aus der Bibliothek! Diese hatte immer nur dienstags und donnerstags geöffnet, die maximale Ausleihdauer betrug zwei Wochen. Das hieß, donnerstags das Buch ausleihen, dienstags in der zweiten Woche zurückbringen, dann zwei unendlich lange Tage ohne das Buch verbringen, donnerstags wieder in die Bücherei, voll Zittern und Bangen, ob das Buch vorhanden ist und das Ganze von vorne! So ging das zwei ganze Jahre und nur ein einziges Mal hat jemand anderes „mein“ Buch ausgeliehen. Nach diesen zwei Jahren hat mich die Bibliothekarin beiseite genommen und mir angeboten, mir das Buch – weil ich praktisch der einzige Interessent in den vergangenen zehn Jahren war – für gerade mal 10 D-Mark zu verkaufen. Natürlich habe ich sofort ohne nur einmal mit der Wimper zu zucken zugesagt und war an diesem Tag so glücklich, als ob Ostern, Weihnachten und Geburtstag zusammengefallen wären. Das war im Juni 2001.

Seit diesem Tag wurden meine Büchereibesuche erheblich reduziert, aber das Buch hat immer noch einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal.

Ein Tag, der die Welt veränderte. Ein Tag voll Grausamkeit. Ein schwarzer Tag. Aber auch mein erster Schultag in der achten Klasse. Nachmittags war ich gerade dabei, meine Schulhefte zu sortieren und Bücher einzubinden, als meine Mutter mich vor den Fernseher gerufen hat.
Zu dieser Zeit war gerade das erste Flugzeug in den Nordturm geflogen. Fassungslos saß ich vor dem Fernseher und fragte mich, wie so etwas passieren kann. Von Terror war zu diesem Zeitpunkt noch keine Rede, ich selbst wäre mit meinen 13 Jahren auch im Leben nicht darauf gekommen. Als wenige Minuten später das zweite Flugzeug in den Südturm raste, war ich vollkommen irritiert – einerseits war klar, dass das kein zufälliger Unfall gewesen sein kann, andererseits aber hatte ich keine rationelle Erklärung für das Unvorstellbare, das sich gerade in New York abgespielt hat. Ich kann mich nicht mehr an den genauen Verlauf des restlichen Tages erinnern, aber nach dem Einsturz der beiden Türme und dem Anschlag auf das Pentagon war ich einfach nur sprachlos, gelähmt, unfähig zu denken, ohne Verständnis für solche Gewalt. Unmöglich zu glauben, dass mit meiner geliebten Fliegerei so viel Leid zugefügt werden konnte. In meinem Weltbild – das auch heute noch gilt – bringt Fliegerei Menschen zusammen, schlägt Brücken zwischen verschiedenen Kontinenten, Kulturen und Kompetenzbereichen. Nun erleben zu müssen, dass mit Flugzeugen auch das Gegenteil bewirkt werden kann, hat mich zutiefst erschüttert und das tut es noch heute.
Der 11. September hat nicht nur das Leben vieler Menschen ausgelöscht oder zerstört, sondern auch die Fliegerei in ihren Grundfesten verändert. Geschlossene Cockpittüren, verringerte Maximalmengen für Flüssigleiten im Handgepäck, verschärfte Sicherheitskontrollen, eingebrochene Passagierzahlen – und die Angst, die mitfliegt. Die Auswirkungen sind noch heute, mehr als ein Jahrzehnt später, deutlich spürbar. Ich werde immer wieder gefragt, ob ich denn keine Angst vor einem Attentat habe, einer Flugzeugentführung oder ähnlichem. Natürlich habe ich keine Angst davor, sonst wäre ich absolut fehl in meinem Beruf. Ich vertraue einfach auf die Sicherheitsstufen, die es vor dem Flug gibt und die an Bord etabliert wurden (eben die verschlossenen Cockpittüren oder Videokameras). Wenn es dann tatsächlich zum Fall der Fälle kommt, muss man schlicht und ergreifend mit der Situation umgehen und versuchen, das Beste daraus zu machen.

Im März 2002 hat Gerhard für die Jugendgruppe unseres dörflichen Fußballvereins einen Besuch in der Lufthansa-Werft am Flughafen München arrangiert. Ich hatte zwar nie etwas mit Fußball am Hut, meine kleine Schwester dafür umso mehr und mein Papa war Trainer und Jugendleiter dieser Sparte. Daher durfte ich auch mit in die Wartungshalle. Das erste, was uns dort ins Auge gefallen ist, war ein überdimensionaler bayerischer „Seppel-Hut“, den die Lufthansa einem ihrer Flugzeuge zur Taufe auf den Namen „München“ aufgesetzt hat und der seitdem eine der Hallenwände ziert. Das erste Flugzeug, das wir uns angeschaut haben, war eine – wie kann es auch anders sein – 737. Gerhard hat uns allerhand Dinge erklärt, die Erwachsenen haben viele Fragen gestellt und ich habe einfach nur zugehört und genossen. Als nächstes wurde ein Airbus A340, ein vierstrahliges Langstreckenflugzeug, inspiziert, zunächst von außen, dann sogar von innen. So ein langer Flieger ist ja äußerlich schon imposant, aber innen hat man den Eindruck, dass er nun gar kein Ende mehr nehmen würde. Natürlich wurden alle Sitze mal ausprobiert, besonders die geräumig-gemütlichen und elektrisch verstellbaren der ersten Klasse. Wobei, seien wir ehrlich – die wahre „First Class“ ist und bleibt das Cockpit. Dort gibt es allerdings auch elektrisch verstellbare Stühle. Das Cockpit haben wir auch besucht: Gerhard saß auf dem linken Sitz und nacheinander durften Dreiergruppen in die Pilotenkanzel. Für mich war natürlich die Wartezeit viel zu lang und die Zeit im Cockpit viel zu kurz – aber schlussendlich war ich das erste Mal im Cockpit eines Verkehrsflugzeuges. Ein Gefühl, das ich noch heute habe, egal in welchem Cockpit ich sitze, eine Mischung von Aufregung, Stolz und dem guten Gefühl, dort zu sein, wo ich hingehöre.
Es folgten in den darauf folgenden Jahren noch ein paar weitere Besuche in der Werft, aber keiner war so beeindruckend wie dieser erste.                                                                                                                        

Noch eine nette Anekdote zu diesem Besuch: Zwischendurch wurden die Tore der Halle geöffnet, riesengroß und von einem Motor bewegt; dieser Motor wird durch das Drücken eines Knopfes gesteuert, der sich auf Augenhöhe am Rande des Tores befindet und die ganze Zeit während des Öffnens gedrückt gehalten werden muss. Von weiten sah es also so aus, als ob der Mann, der die Halle öffnete, mit einem Arm das Tor aufschieben würde. Das hat die Kinder total aus dem Häuschen gebracht. „Wow, das muss Superman sein!“ Sie hatten ein neues Idol.

Ende August 2002 war es soweit: Mein Papa ist mit mir nach Frankfurt zum Flughafen gefahren. Ein Jahr lang habe ich davon geträumt, einmal an diesem größten deutschen Flughafen zu sein, immer wieder haben mein Papa und ich überlegt, wie wir das anstellen, haben Karten und Berichte studiert, wo man gute Aussichtspunkte hat und wie man die erreicht.
Nun sollte es so weit sein! Samstagnacht um 02:00 Uhr ging es nach Augsburg, um mit dem Schönes-Wochenend-Ticket per Regionalbahn quer durch Bayern und Hessen nach Frankfurt zu fahren. Bis zum ersten Zwischenstopp in Nürnberg schwankte ich zwischen Müdigkeit und Vorfreude hin und her. Zwischen 05:00 Uhr und 06:00 Uhr hatten wir Aufenthalt in Nürnberg, den mein Papa versüßte mit einem warmen Kakao beim örtlichen McDonald. Eigentlich eine unwichtige Nebensächlichkeit, aber die Stimmung während dieses Kakaos war einfach unbeschreiblich – die Vorfreude, die Müdigkeit, die Aufregung, das Gefühl des Reisens, die Freude darüber, mit meinem Vater einen Ausflug zu machen, einfach alles zusammen. Gegen 09:30 kamen wir am Fernbahnhof des Frankfurter Flughafens an – endlich. Der erste Eindruck im Terminal 1 war einfach erschlagend: So viele Menschen, Stimmen, Gewirr, Durcheinander, Anzeigetafeln, Check-In-Schalter, Restaurants, Läden, Schilder, Servicefahrzeuge, Geschäftigkeit und Betriebsamkeit. All das, was ich heute so sehr liebe an Flughäfen, hat mich damals total überfordert. Nun gut, zunächst haben wir uns auf die Besucherterrasse dieses Terminals begeben, das Heimat der Lufthansa war und ist. Dort wurde ich gleich wieder erschlagen: Noch nie war ich so großen Flugzeugen so nahe gewesen (man konnte den Fliegern praktisch auf den Rücken spucken), noch nie hatte ich so viele große Flugzeuge auf einmal gesehen und noch nie hatte ich so viel wirre Geschäftigkeit auf dem Vorfeld erlebt. Großflughafen eben. München dagegen ein Provinzflughafen – aus der Sicht eines 14-Jährigen. Nach gut zwei Stunden haben wir an einer Flughafenrundfahrt in einem Bus mitgemacht. Natürlich war das beeindruckend, einfach mitten durch das ganze organisierte Chaos zu fahren, aber einige Dinge sind mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Beispielsweise ist die gute alte Ju52 (liebevoll auch „Tante Ju“ genannt) zu Besuch in Frankfurt gewesen und direkt an uns vorbeigerollt. Oder eine Maschine der Austrian Airlines mit einer Sonderbemalung, die die Wiener Philharmonikern bewarb. Und natürlich, dass ein Gepäckwagenfahrer einen Haufen Koffer verloren hat und sein Kollege ihm hinterhergeschrien und -gewinkt hat – vergeblich. Nach der Rundfahrt sind wir mit der S-Bahn nach Zeppelinheim gefahren. Von dort aus kommt man zu Fuß zu einem bekannten Aussichtspunkt an einer Autobahnbrücke direkt in der Einflugschneise mit perfektem Blick auf den ganzen Flughafen. Dort war ich wieder mal einfach nur beeindruckt, waren die Flugzeuge doch fast zum Anfassen nahe – man hätte sie direkt vom Himmel pflücken können. Unnötig zu erwähnen, dass ich bei jedem anfliegendem Flugzeug aufgeregt die Kamera gezückt habe und mein Herz umso näher dem siebten Himmel war, je näher die Flugzeuge dem Boden kamen. Spätnachmittags fuhren wir zurück ins Terminal 1 und sind mit einer führerlosen Bahn zum Terminal 2 gependelt. Dort dann auf die nächste Besucherterrasse, wo ich erneut vollkommen begeistert war – dieses Mal nicht von der Größe oder Nähe zu den Flugzeugen, nein, dieses Mal von der Vielfalt der Fluggesellschaften und der Bemalungen. Natürlich wurde es viel zu schnell Abend und wir mussten die Bahn nach Hause nehmen. Natürlich habe ich mit meinem Papa um jede Minute verhandelt, die wir länger bleiben konnten – und ihn wohl in einen echten Konflikt gebracht zwischen Zeitdruck und Zeitschenken.
Schweren Herzens, aber dennoch beeindruckt und voll Freude sind wir Richtung Heimat gefahren und gute 25 Stunden nach unserem Aufbruch wieder zuhause angekommen. Für mich war das toll, ich konnte ja im Zug schlafen – aber mein Papa war die ganze Zeit über wach gewesen und am Ende vollkommen erschöpft.

Heimatflughafen. An diesem Flughafen habe ich ganze und unzählige Tage verbracht. Ihn habe ich zu jeder Jahreszeit erlebt und bei jedem Wetter. Wenn ich dort war, dann meist von früh bis spät. Dort habe ich mir Erkältungen geholt und Sonnenstiche – von unzähligen Muskelkatern und Blasen vom vielen Herumgehen ganz zu schweigen. Diesen Flughafen habe ich erkundet wie keinen anderen – zuerst zu Fuß, später mit dem Rad und schließlich mit dem Auto. Die Terminals, die Umgebung, alles. Ich habe verschiedenste Menschen getroffen und tolle Gespräche geführt.
  
Da waren zum Beispiel Lukas und Michael aus Österreich. Eines Morgens im August 2001 bin ich wieder frühzeitig am Besucherhügel  angekommen, da standen die beiden schon. Kamen mitten in der Nacht aus Wien angefahren, um ja die Langstreckenmaschinen morgens zu sehen. Zu Lukas hatte ich sofort einen guten Draht – wir beide teilen, auch heute noch, die Faszination für die Fliegerei und so war es nicht verwunderlich, dass der Funke sofort übersprang! Folglich haben wir den ganzen Tag gemeinsam am Flughafen verbracht und Michael beinahe zur Verzweiflung gebracht mit unseren immer neuen Ideen, Aussichtsplätze zu entdecken und dabei gewaltige Fußmärsche zu unternehmen. Die beiden sind übrigens drei Jahre älter als ich und erschienen mir fast wie Halbgötter,besonders als Lukas mir erzählte, an welchen Flughäfen er schon überall war. Wir beide hatten hinterher noch ein wenig E-Mail-Kontakt, der aber dann leider eingeschlafen ist. Kurz vor meinem Ausbildungsbeginn habe ich dann beim Ausmisten zu Hause zufällig seine Telefonnummer entdeckt, sodass wir wieder etwas in Kontakt gekommen sind, allerdings nur sehr sporadisch per Mail. Drei Jahre später, im Juni 2011, bin ich am Flughafen Frankfurt auf einer Aussichtsplattform einem jungen Mann begegnet, dessen Stimme mich irgendwie an jemanden erinnert hat. Wir haben uns ungefähr eine Stunde unterhalten, irgendwann hat er erzählt, er würde bei der österreichischen Firma arbeite, bei der auch Lukas angestellt ist. Ich hab ihn dann direkt gefragt, ob er besagten Lukas kennen würde. Grinsen. „Jo, des bin i“. Lachen. Da standen wir beide, haben uns eine gute Stunde unterhalten und uns dabei nicht erkannt – außer an der Stimme. 10 Jahre sind doch sehr prägend.                                                                                                                                        

Am Flughafen habe ich noch einen anderen Freund kennengelernt. D.h. kennengelernt haben wir uns durch eine „Kontaktanzeige“, die ich in einem Fliegermagazin aufgegeben hatte mit der Hoffnung, endlich einen Kumpel in meiner Region zu finden, der auch so flugverrückt ist. Am 18.12.2003, einem Freitag, hat sich dann schließlich Sebastian gemeldet, mein Namensvetter, gleiches Baujahr, gleich ein paar Dörfer weiter wohnend, mit derselben Leidenschaft für das Fliegen, für Flughafenbesuche, Flugsimulator und Flugzeugmodelle. Wir haben uns sofort für den kommenden Tag am Flughafen verabredet, um uns standesgemäß kennenzulernen. Lustigerweise sind wir uns dann schon in der S-Bahn begegnet und ohne, dass wir ein Bild vom anderen gehabt hätten, wussten wir: Das ist er! Es war echt unglaublich, dass wir so identisch waren in unserer Leidenschaft für die Fliegerei und uns dabei aber perfekt ergänzt haben mit unserem Wissen. Wir hatten zwei intensive Jahre mit vielen Besuchen am Flughafen (wie extrem das Wetter auch gewesen sein mag, wir waren zur Stelle – sogar, als uns einmal der Tee in der Thermosflasche eingefroren ist) oder Flügen im Simulator, aber mit seinem Schulabschluss und Beginn meiner Kollegstufe ist der Kontakt bis heute leider sehr wenig geworden – aber herzlich geblieben.                                                                                                                          

Am 29. Juni 2003 wurde am Flughafen das Terminal 2 in Betrieb genommen. Ich habe den Bau über die Jahre hinweg verfolgt und war nun ganz aufgeregt, es auch von innen kennen zu lernen. Mein Papa ist mit mir an jenem Sonntag  schon früh hingefahren, zuerst waren wir noch ein wenig Flugzeuge spotten, dann sind wir in das Terminal. Ich war echt aufgeregt, aber v.a. richtig erfreut darüber, dass das Terminal so hell, freundlich und stimmungsvoll gewesen ist. Ich kann mich nicht mehr an vieles erinnern, aber besonders im Gedächtnis ist mir der EDEKA geblieben, bei dem es ein riesengroßes Rondell gab mit einer Unzahl frischer und exotischer Früchte – das sah nicht nur toll aus, davon ging ein so guter Geruch aus, dass man fast glaubte, die weite Welt mit einem Atemzug in sich aufzusaugen. Lecker.

Zu einem Flughafenbesuch gehörte auch immer ein bestimmtes Ritual. Egal, was ich an dem Flughafen-Tag gemacht habe und wo ich war, am Ende des Tages ging es immer zum Supermarkt, um eine warme Leberkäse-Semmel zu kaufen. Das war mein Abendessen, das ich dann auf dem Weg zu S-Bahn verspeiste. Diese Semmeln sind legendär geworden und sogar Sebastian hat diesen Ritus irgendwann übernommen. Und auch heute komme ich fast nie an jenem Laden vorbei, ohne mir in Erinnerung an die alten Zeiten eine Leberkäsesemmel zu kaufen. Heimatflughafen eben.

Schon 2000 hat Gerhard versprochen, mich mal im Cockpit mitzunehmen. Das wäre für mich natürlich das Größte, aber durch seine Stationierung in Frankfurt und seine Kapitänsschulung hat sich dieses Angebot dann knapp drei Jahre verzögert.

Am Sonntag, 23. März 2003, aber war es so weit, ich durfte vormittags mit ihm nach Paris und wieder zurück fliegen. Das ganze Wochenende war gefühlsmäßig sehr durchwachsen. Einerseits war ich total frustriert, weil ich Freitag die zweite und letzte 6 in meinem Schulleben bekommen habe, noch dazu in meinem damaligen Lieblingsfach Französisch, überdies hatte ich diese Note meinem Papa verheimlicht und deswegen ein schlechtes Gewissen. Andererseits war ich einfach total aufgeregt, weil ich Sonntag ja immerhin das erste Mal im Cockpit mitfliegen durfte. Samstag war mein Papa zum Glück den ganzen Tag nicht zuhause, sodass ich nicht die an mein schlechtes Gewissen erinnert wurde und in Ruhe meine Französisch-Lektionen nachholen konnte. Nach getaner Arbeit war ich sehr erleichtert und konnte mich dann so richtig auf den Flug freuen. Ich habe angefangen, alles für den kommenden Tag vorzubereiten: Fotoapparat, Digitalkamera, Fernglas, Block (natürlich mit hunderten Fragen), ein Sortiment Kugelschreiber (ein bisschen Standesmäßigkeit muss schon sein). Natürlich bin ich schon früh ins Bett gegangen, damit ja schnell Sonntagmorgen wird – schlafen konnte ich trotzdem nicht vor Aufregung. Als es endlich 05:30 Uhr war und der Wecker geklingelt hat, war ich sofort auf den Beinen und so voll Vorfreude, dass ich das gar nicht in Worte fassen kann. Am Flughafen – ich wollte natürlich schon gegen 06.30Uhr dort sein – waren mein Papa und ich zuallererst kurz im Terminal um noch Filme für die Kamera zu kaufen, danach sind wir zu einem Aussichtspunkt außerhalb des Flughafens gefahren, um Gerhard bei seiner Ankunft aus Berlin beim Landen zuzuschauen. Das war total toll, einen Flieger landen zu sehen und zu wissen, wer der Pilot ist! Eine Stunde später haben wir uns mit Gerhard im Terminal getroffen, er hat mich eingecheckt. Danach hieß es für ihn zurück zu seiner Crew, für mich ab durch die Sicherheitskontrolle zum Gate. Das war aufregend, alleine durch so einen Großflughafen zu irren. Beim Boarden wurde ich dann gleich überrascht – unser Flugzeug stand auf einer Außenposition, sodass wir mit dem Bus zum Flieger geshuttelt wurden. Dort angekommen, war ich natürlich total überwältigt, dann habe ich Gerhard schon im Cockpit sitzen und winken sehen. Beim Einsteigen kurz bei den Flugbegleiterinnen vorgestellt – sie haben mich sofort ins Herz geschlossen, richtig nett! Nachdem alle Passagiere an Bord waren, kam mein großer Moment: Die Cockpittüre wurde geöffnet und ich durfte eintreten. Eintreten in eine andere Welt. Noch kurz Startvorbereitungen, Checklisten, Push-Back, Triebwerkstart. Rollfreigabe über diverse Rollwege zur Startbahn Nord. Startfreigabe. Startschub wird gesetzt. Die Triebwerke heulen auf, es wird laut. Ich werde in den Sitz gedrückt. Die Maschine beschleunigt. Bei bereits 121 Knoten rotiert Gerhard die Maschine sachte – wir fliegen. Es ist ein unglaubliches Gefühl. Unterwegs haben wir schönstes Wetter, fliegen unter anderem über Frankfurt hinweg. Unterwegs darf ich die Planzeiten im Flugplan ausrechnen – zur Sicherheit lieber alles zweimal kalkulieren, ich will mich ja nicht blamieren. Einige Meilen vor Paris kommen wir dann in ziemlich starke Turbulenzen – es ist großartig. Schon drehen wir ein in den Endanflug, Gerhard schaltet früh den Autopiloten ab, übernimmt manuell die Kontrolle. Die Landebahn kommt in Sicht. Trotz starkem Seitenwind und Turbulenzen ist die Landung sanft. Danach rollen wir ziemlich zügig zur Rollposition. Das Wetter in Paris war herrlich – zwar etwas windig, aber angenehme 23°C. Ich durfte mit auf das Vorfeld zum „Outside-Check“, einer visuellen Außen-Kontrolle des Flugzeuges durch einen der Piloten. Dabei wurden viele Bilder gemacht von der Crew, mir und der Crew oder mir (vor dem Fahrwerk, vor dem Triebwerk, im Triebwerk etc.pp.). Viel zu schnell verging die Zeit, bald kamen die neuen Passagiere, begann die Geschäftigkeit in Kabine und Cockpit. Schnell noch ein paar Papiersachen erledigt und schon ging es wieder los: Checklisten, Triebwerkstart, Rollen zu Bahn, ewig langes Warten – wir sind nun doch an einem internationalen Großflughafen, Start (dieses Mal fliegt unser Copilot), Flug über Zürich entlang der Alpen mit herrlichem und atemberaubendem Blick auf die Berge, Anflug auf München (ich war total fasziniert von der Perspektive), Landung, Rollen, Parken, Triebwerke abstellen, Ende eines Arbeitstages für die Crew, Ende eines faszinierenden Erlebnisses für mich. Zum Abschied haben mir die drei Stewardessen noch eine selbst gebastelte Kette geschenkt: Aus einem flachen Schwamm haben sie ein Herz ausgeschnitten und mit Plastikverschlüssen für die Essens- und Getränketrolleys eine Kette gebastelt, an der sie das Herz befestigt hatten. Das Herz wiederum wurde mit besten Wünschen für meine Zukunft und ihren Unterschriften verziert. Ich habe es noch heute. Die guten Wünsche haben gefruchtet.                                                                                                      
Es gab noch zwei weitere Cockpitflüge mit Gerhard, einen im Sommer desselben Jahres nach Barcelona (da habe ich zum ersten Mal eine Pilotin kennengelernt), der letzte am 21.12.2006 spätabends nach Berlin und zurück, da allerdings mit einem Airbus A321, auf den Gerhard in der Zwischenzeit umgeschult wurde. Alle drei Flüge waren wichtige Schritte und Wegpunkte in meinem fliegerischen Werdegang, alle drei haben die Leidenschaft für das Fliegen verstärkt mich darin bestätigt, dass Pilotsein einfach meine Berufung ist. Danke, Gerhard!

Im Mai 2003 bin ich in der Flugwerft Oberschleißheim aufmerksam geworden auf ein Schülerpraktikum in der Lufthansa-Werft am Münchner Flughafen. Ich habe mich sofort beworben, aber für die Ferien 2003 gab es keine Plätze mehr. Allerdings für die erste Sommerferienwoche 2004. Ich musste einfach zusagen und war super glücklich. Das war also meine erste Bewerbung, und dann auch noch erfolgreich. Nun galt es nur noch 15 Monate zu warten bis zum Praktikumsbeginn. 

Am ersten Tag war ich wie immer sehr aufgeregt und voller Vorfreude – und natürlich eine volle Stunde zu früh da. Kurz vor acht Uhr kamen auch meine beiden Mitpraktikanten an, beide waren zwei Jahre jünger als ich und hatten einstweilen noch nichts mit der Fliegerei zu tun. Leider habe ich keinen Kontakt mehr zu den beiden, obwohl mich sehr interessieren würde, was sie heute machen, ob sie auch ihre Träume verwirklichen konnten. Punkt acht Uhr wurden wir abgeholt und mussten erst mal einiges an Papierkram erledigen. Dann bekamen wir sogar „Dienstkleidung“, also Technikerklamotten. Toll! Das Team, dem ich an diesem Tag zugeteilt wurde, war sehr nett, hatte aber an ihrem Flugzeug einige kompliziertere Aufgaben zu lösen, sodass ich fast den ganzen Tag im Cockpit des Flugzeuges verbracht habe. Zwischendurch hat mir ein Techniker den Flugfunk angeschaltet und eine der Flughafenfrequenzen eingedreht. Ich habe mich nicht beschwert.
Die drei folgenden Tage war ich im Außen-Dienst mit dabei, d.h. da wurden während der Bodenzeiten der Flugzeuge zwischen zwei Flügen kleinere technische Dinge erledigt wie z.B. Seifenspender repariert, Kaffeemaschinen ausgetauscht, Reifen gewechselt oder einfach Cockpitscheiben gereinigt. Aber auch größere Probleme wurden behoben, die den Flieger fluguntüchtig gemacht hatten und somit sofort aus der Welt geschafft werden mussten. Aufregend!
Einmal wurde ein Flugzeug von der Parkposition zu einer anderen, abgelegenen geschleppt, um dort repariert zu werden; normalerweise ist es nicht nötig, dass dabei jemand im Flugzeug ist. Ich habe gefragt, ob ich denn im Cockpit bleiben dürfte während des Schleppens und nach einigem Überlegen haben meine Techniker schließlich zugestimmt und ich  durfte alleine im Flugzeug auf dem Copilotensitz sitzen, während der Flieger über den halben Flughafen geschleppt wurde. Das war eines der unvergesslichsten Ereignisse dieser Woche Praktikum.
Am Freitag, meinem letzten Tag, haben wir an einem A340 gute 15 Kaffeemaschinen aus- und neue eingebaut, sodass ich schlussendlich die einzelnen Arbeitsschritte aus dem Effeff kannte. Nun gut, bei der vorletzten Kaffeemaschine haben wir ein paar Schräubchen vergessen und mussen dann die letzte nochmal ausbauen, um genug Platz zu haben. Den Rest des Tages habe ich dann im Cockpit verbracht – und genossen. Das Praktikum war toll.

Noch im Sommer 2004 habe ich mich für die Sommerferien 2005 bei der Flugsicherung in München um ein einwöchiges Praktikum beworben und auch sofort eine Zusage bekommen. Hier muss ich sagen, dass ich nun doch schon 17 Jahre alt war, einiges erlebt habe und somit die Aufregung und Vorfreude etwas abgeklungen ist – die Leidenschaft allerdings geblieben. 

Bei der Flugsicherung waren wir ein bunter Haufen aus Schülern, fertigen Abiturienten und Erwachsenen im Arbeitsleben, die sich u.U. neu beruflich orientieren wollten. Das hat für interessante Gespräche gesorgt.
Am ersten Tag wurden wir einfach gespickt mit Fakten, über die Flugsicherung als Arbeitgeber, die Fluglotsenausbildung, über die Luftraumstruktur in Deutschland, Verkehrsinformationen und -prognosen, organisatorische Strukturen und noch viel mehr.
Am Dienstag haben wir das „Center“ besucht, also waren tatsächlich bei waschechten Fluglotsen am Radarschirm gesessen und haben uns deren Arbeit angeschaut. Das war schon sehr faszinierend, die Unmengen an bunten „Streifen“, auf denen die Informationen über jeden einzelnen Flug überliefert werden, die vielen Schirme (neben dem eigentlichen Radarschirm gibt es noch viele Bildschirme mit noch viel mehr Informationen und Funktionen) und vielen Menschen. Allerdings war ich auch total überrascht, hatte ich mir den Lotsenraum eher vorgestellt als dunklen Bunker mit den bekannten, alten schwarz-grünen Radarschirmen. Tatsächlich ist das Center ein absolut heller Arbeitsraum, moderne Bildschirme haben Einzug erhalten, alles in einem gibt es ein sehr angenehmes Arbeitsklima. Ich war echt beeindruckt.
Mittwochs haben wir eine Führung in den „Tower“ bekommen. Dort sitzen die Lotsen, die die Rollbewegungen auf Vorfeld und Rollwegen kontrollieren oder Start- bzw. Landegenehmigungen erteilen, zudem der Deutsche Wetterdienst (DWD). Der Ausblick über den gesamten Flughafen war einfach grandios. Leider wurde meine Bitte, dort einziehen zu dürfen, abgelehnt. Am Nachmittag haben wir den Simulator besucht, an dem Fluglotsen speziell auf die Münchner Verhältnisse und Strukturen geschult werden. Und durften sogar selbst lotsen. Manchen gelang das sehr gut, einigen weniger gut. Ich war einer der einigen.
Donnerstag bekamen wir eine Führung durch die Lufthansa-Werft (Gerhard kannte zufällig die Praktikumsleiterin und hat sich erboten, das zu organisieren) und Freitag durften wir uns nochmal am Simulator probieren. Alles in einem eine sehr lehrreiche, interessante und faszinierende Woche. 

Diese Woche hat mich wiederum darin bestärkt, Pilot werden zu wollen. Lotsen sollen die anderen.

So ging das nun all die Jahre bis zum Oktober 2006. Im Jahr zuvor bin ich in die Oberstufe eingezogen, was weniger Zeit für die Fliegerei zuließ. Außerdem habe ich ein neues Hobby für mich entdeckt – Orgelspielen. Für Fliegerei fast gar keine Zeit mehr, besonders aber keine Muse, mich der Fliegerei so zu widmen, wie sie es mir wert ist. 

Zu all dem kam die berühmte Frage nach dem Sinn des Lebens. Mit 18 Jahren wird man eben tiefgründig. Ich habe angefangen, die komplette Fliegerei in Frage zu stellen. 

Ob es ökologisch vertretbar sei? 

Was ich durch die Fliegerei denn auf der Welt verändern würde? 

Ob man durch die Fliegerei nicht beisteuert zur allgemeinen Hektik und Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft? 

Ich war kurz davor, die Fliegerei ganz sein zu lassen und mich für ein Theologiestudium einzuschreiben. Nach dem Abitur im Jahr 2007 war die Krise halbwegs überwunden, ich habe mich bei Lufthansa für die Pilotenausbildung beworben, die Leidenschaft für das Fliegen war nach wie vor da – aber die rationalen Zweifel blieben. Nach dem Abitur habe ich tatsächlich mit einem Studium begonnen, Lehramt Latein und Französisch mit dem Zusatz Diplom Theologie. In dieser Zeit habe ich zwei wunderbare Freunde gewonnen, die meine Zweifel ernst genommen, sich damit auseinandergesetzt und mit mir lange und ausgiebig darüber diskutiert haben. Außerdem hatte ich auch ein paar Gespräche mit einem Professor für Sozialethik, dem ich meine Problempunkte erörtert habe.
Diese drei Menschen waren maßgebend, meine Kritikpunkte an den beruflichen Begebenheiten in eine harmonische Übereinstimmung zu bringen mit meiner Leidenschaft zur Fliegerei. 

Generell war die Zeit des Zweifelns sehr positiv, weil ich somit einen ganz anderen Grad erreicht habe, Fliegerei zu betrachten. Fliegen war seitdem nicht mehr nur pure Leidenschaft, Fliegen bedeutet seit diesen Tagen auch Verantwortung für mehr als nur den Menschen, die mir ihr Leben anvertrauen. Das Klären dieser Zweifel hat auch zu einer ganz anderen Souveränität geführt, das Thema Fliegerei anzupacken, weil ich schlussendlich zu 100% sagen konnte und immer noch kann, dass ich voll und ganz hinter dem stehe, was ich tue bzw. zukünftig tun möchte. Mit wachsender Lebenserfahrung und zunehmender Berufserfahrung in verschiedenen Bereichen der Fliegerei, bemerke und erkenne ich die – teilweise – schlechten Arbeitsumstände für Viele, die im und am Flugzeug arbeiten. Aber ich stelle nicht die Fliegerei im Allgemeinen in Frage, sondern sehe die Chance, durch das eigene Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Kollegen an Bord und am Boden zumindest im Kleinen wirken und etwas verändern zu können. Optimistisch, aber realistisch.

Die erste Stufe des Lufthansa-Auswahlverfahrens. Die Berufsgrunduntersuchung, kurz „BU“. Ein zweitägiger Test, bei dem gut 70% der Bewerber nicht weiterkommen. Und ich sage absichtlich nicht „durchfallen“ sondern „nicht weiterkommen“, da diese Tests, wie auch alle nachfolgenden, absolut tagesformabhängig sind und nur schwer Rückschlüsse auf die fliegerische Qualifikation jedes einzelnen Bewerbers geben. Natürlich, im großen Mittel sind die Tests gut, aber trotzdem kommen Leute weiter, die dann die Ausbildung nicht schaffen bzw. werden Leute aussondiert, die hinterher die Ausbildung privat machen und nach ein paar Jahren Kapitäne bei anderen namhaften Gesellschaften sind. Bei diesem speziellen Test werden neben Mathe, Physik und Englisch auch räumliches Denken, akustische wie visuelle Merkfähigkeit, optische Wahrnehmungsfähigkeit und Motorik geprüft.                                

Ich jedenfalls hatte diese „BU“ am 13. und 14. August 2007. Am Vortag flog ich mittags von München nach Hamburg. Es war tolles Wetter, ich voll guten Mutes, der Flug angenehm, Hamburg aus der Luft war beeindruckend. Ich dachte nicht, dass die Stadt so grün wäre. Am Flughafen angekommen musste ich erst mal nach dem Shuttleservice zu meinem Hotel suchen. Das war schnell erledigt, die Fahrt eine Angelegenheit von wenigen Minuten. Nach dem Einchecken bin ich einem Jungen in meinem Alter begegnet, dessen Zimmer zufällig meinem gegenüber lag und der mit mir gemeinsam das Auswahlverfahren durchlaufen sollte. Abends sind wir gemeinsam essen gegangen, das große Thema war natürlich das Fliegen – weniger das Auswahlverfahren, sondern eher das Fliegen allgemein. Die Nacht war ruhig, der Schlaf tief. Morgens eine tolle Mischung aus Aufregung und Vorfreude (paradoxerweise freute ich mich tatsächlich auf die geistige Herausforderung). In den Räumen des Deutschen Luft- und Raumfahrtinstitut (DLR), wo das Auswahlverfahren stattfindet, herrschte im Grunde eine gute, wenn auch spannungsgeladene Atmosphäre. Ich habe in diesen beiden Tagen mit vielen jungen Leuten gesprochen, aber nur sehr wenige wieder getroffen. Um es kurz zu machen – ich habe den Test einfach gemacht, am Ende des zweiten Tages war ich überzeugt, dass alles wohl geklappt haben sollte. Die Ergebnisse sollten erst eine Woche später per Brief verkündet werden. Mit diesem guten Gefühl bin ich nachmittags mit der Bahn nach Berlin gefahren. Dort habe ich mich mit ein paar alten Schulfreunden zu einer knappen Woche Sightseeing getroffen. 

Zwei Tage nach der „BU“ ruft mich eine meiner Schwestern an. Ich war gerade mit meinen Freunden im Mediamarkt in der Musikabteilung. „Du hast bestanden“. Freudenschrei.

Die zweite Stufe des Lufthansa-Auswahlverfahrens. Die Firmenqualifikation, kurz „FQ“. Am ersten Tag dieses Verfahrens werden bei zwei Gruppengesprächen und einem Streitgespräch mit einer Psychologin das Gruppenverhalten, Autorität, Durchsetzungsvermögen, Kompromissbereitschaft, Regelbewusstsein der Bewerber und vieles mehr analysiert und bewertet. Außerdem gibt es noch einen Computertest, an dem ebenfalls Teamfähigkeit geprüft wird. Am zweiten Tag steht ein stilisierter Flug in einem stilisierten Cockpit an, wenn man auch diesen Test bestanden hat, wird man hernach zum finalen Auswahlgespräch, dem Interview, gebeten. 

Ich hatte meine „FQ“ am 18. Und 19. Oktober 2007. Die beiden Wochen vorher war ich schon sehr nervös, und so freudig ich der „BU“ entgegengesehen habe, so sehr hatte ich Angst vor der „FQ“. Am Vortag des Tests bin ich erneut nach Hamburg geflogen. Auf der Fahrt zum Flughafen haben mein Papa und ich uns arg gestritten wegen irgendeiner Nichtigkeit. Er hat dann zu mir gesagt, dass ich eigentlich gleich in München bleiben kann, mich würde die Lufthansa eh nicht nehmen. Ich habe mit ihm kein Wort mehr gesprochen bis ich durch die Sicherheitsschleuse musste. Entsprechend war auch die Stimmung, als ich in Hamburg ankam. Aufregung, Angst, das schlechte Gefühl wegen des Streites im Magen und immer den Satz „Dich nehmen sie eh nicht“ im Ohr. Es hat mich verrückt gemacht. Nachts hatte ich kein Auge zugetan, mich hin und her gewälzt, war schweißgebadet und froh, als es endlich fünf Uhr geworden war und ich aufstehen konnte. „Dich nehmen sie eh nicht“. In Schale geworfen, ein kleines Frühstück mit ach und krach heruntergewürgt und los zum DLR. „Dich nehmen sie eh nicht“. Im Bus habe ich ein junges Mädel getroffen, das den zweiten Tag des ersten Tests vor sich hatte und mich nett mit ihr unterhalten. Im DLR angekommen hieß es nun erst mal warten, dann eine kurze Vorstellungsrunde und schließlich ran an die Tests. „Dich nehmen sie eh nicht“. Mittags knapp zwei Stunden Pause, in denen meine Kollegen und ich unsere bisherige Lage versucht haben einzuschätzen. Nachmittags noch die restlichen Gruppenspiele. Dann haben sich Psychologen und Auswahlkapitän (der der ganzen Kommission vorstand) zurückgezogen zur Beratung. Wieder warten. Insgesamt war ich an diesem Tag ca. drei Stunden in Aktion, die restlichen sechs Stunden wurden mit nervenbelastendem Rumsitzen verbracht. Die Hölle. Schließlich wurde jeder von uns zehn oder zwölf Bewerbern nacheinander ins Beratungszimmer gerufen. Die ersten sind in den zweiten Tag gekommen, dann der erste nicht, dann wieder einer weiter – dann war ich an der Reihe. Nervenkitzel. 

„Es hat leider nicht gereicht“. Das war der Kapitän. „Sie haben eine erstklassige „BU“ hingelegt, Herr Kern. Aber motorisch sind sie für´s Fliegen nicht geeignet. Stichwort Psychomotorik. Und Sie haben sich zu sehr unterbuttern lassen bei einem der Streitgespräche“. Das war der Psychologe – in zusammengefasster Form. Aus. Das war es also mit dem jahrelang gehegten und gepflegten Traum vom Fliegen, dem Traum von der Lufthansa. Ich habe noch gewartet, bis alle anderen ihre Ergebnisse bekommen haben, dann sind wir gegangen. Vor dem Gebäude konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Netterweise hat mich einer der Jungs, die weitergekommen sind, tatsächlich umarmt und Mut zugesprochen. Im Hotel angekommen habe ich mich erst einmal auf dem Klo eingesperrt. Warum, weiß ich nicht mehr. Dann zu Hause angerufen. Weinen. Kurze Zeit später bin ich zu Fuß durch den regennassen Oktoberabend zum Flughafen gegangen. Dort bin ich erst mal durch das Terminal gelaufen, habe das so geliebte Durcheinander um mich herum aber gar nicht wahrgenommen. In der Flughafenkapelle und habe einfach versucht, Ruhe und gedankliche Ordnung zu finden. Es hat nicht geklappt. Danach ab auf die Besucherterrasse des Flughafens, den Fluglärm und Kerosingeruch tief eingesogen. Das hat gut getan. Gleich nochmal. Wieder weinen. Nach einer Stunde oder zwei – Zeit ist doch so relativ – habe ich mir in einem Flughafenrestaurant mit Blick auf das Gewusel im Terminal einen halben Liter Cola gekauft. Und nachgedacht. Am Anfang der Cola war ich total deprimiert und hoffnungslos. Am Ende der Cola hat sich mein alter Kampfgeist gezeigt. Ich wollte das so nicht hinnehmen. Ich habe mir geschworen, Pilot zu werden. Und wenn nicht mit der Lufthansa und bei der Lufthansa, denn eben ohne sie. Irgendeinen Weg würde ich sicher finden. Ich fühlte mich besser. Immer noch deprimiert, aber viel besser. Abends habe ich noch ein langes Gespräch mit meiner Stiefmama geführt, die mich sehr aufgebaut hat. Später hat mich auch mein Papa nochmal angerufen und gesagt, wir würden einen Weg zum Fliegen finden. Wenn nicht bei Lufthansa, dann eben wo anders. Schlafen konnte ich trotzdem nicht. Ich habe Gott sei Dank einen dicken Roman dabei gehabt und so lange gelesen, bis mir die Augen zugefallen sind. 

Am nächsten Morgen hatte ich erst beschlossen, den Tag im Bett und vor dem Fernseher zu verbringen. Nach einer Stunde wurde mir das zu langweilig. Da ist ein wunderschöner Oktobermorgen mit keiner einzigen Wolke am Himmel, ich bin in einer der schönsten und größten Städte Deutschlands – und möchte mich wegen eines kleinen Rückschlages (zugegeben: damals erschien er mir nicht so klein) verkrümeln und abschotten? Nein, nicht mit mir! In diesem Moment habe ich dann eine SMS von meiner Stiefmama bekommen, in der sie mir schrieb, dass ich mich ja nicht verkrümeln soll, sondern einfach rausgehen, schreien, weinen, laufen, fluchen – was auch immer, nur nicht verkrümeln. Da war ich schon unterwegs. Ich bin dann erst mal in die Innenstadt gefahren und zu Fuß um die Binnenalster spaziert. Wirklich ein sehr schöner Fleck.
Dabei ist mir ein Junge aufgefallen. Irgendwann ist er auf einmal einige Meter vor mir aufgetaucht und vor mir hergelaufen, um den Hals einen riesigen Fotoapparat. Immer wieder hat er gestoppt und Enten fotografiert, sich dazu hingekniet, hingelegt, auf Baumstümpfe gestiegen und alle möglichen Winkel ausprobiert. Ich bin ebenfalls immer in einigem Abstand stehengeblieben und habe ihn beobachtet. Ich war fasziniert von dieser Leidenschaft und dieser Perfektion. Ich weiß natürlich nicht, ob die Bilder etwas geworden sind, aber mit dieser Hingabe müssen sie einfach genial geworden sein. Und bei diesen Beobachtungen wurde mir abermals bewusst: „Du hast auch diese Leidenschaft in Dir, eben eine andere und vielleicht ist es schwer, sie zu leben. Aber Du wirst es schaffen!“ Auf einmal war ich davon überzeugt. Wenn ich auch noch nicht wusste, wie ich das anstellen würde! Und so verging der Tag. Ich war noch am Hafen und an ein paar anderen Sehenswürdigkeiten, abends dann nett essen und nochmal am Flughafen. Die Nacht war ok, am nächsten Morgen mit der Frühmaschine zurück nach München (leider war es Lufthansa, aber ok…). 

Papa hat mich abgeholt. Angekommen. Daheim.

Anfang Februar ging es nochmal nach Hamburg. Diesmal zu einem Auswahlverfahren für die Pilotenausbildung bei der Air Berlin. Die war relativ neu, ich habe erst zwei Monate zuvor davon gehört und mich natürlich sofort beworben.
Die Vorbereitungen waren relativ unspektakulär, man wusste, was auf einen zukam, war das Auswahlverfahren in etwa dasselbe wie bei Lufthansa, nur gestaucht auf zwei Tage Assessment. Der erste Tag war ungefähr wie die „BU“, der zweite wie die „FQ“. 

Ich bin wie üblich am Vortag nach Hamburg geflogen (dieses Mal hat mich meine Stiefmama zum Flughafen gefahren – das Szenario mit meinem Vater wollte ich nicht nochmal wiederholen), habe mich abends mit ein paar Kollegen getroffen, die auch am nächsten Tag mit von der Partie waren (wir hatten bereits über ein Fliegerforum im Internet zueinander Kontakt gehabt) und die Stadt genossen. Nur sehr wenig Aufregung. Am nächsten Morgen sah das etwas anders aus, zudem hatte ich etwas Kopfschmerzen und habe erwägt, die Veranstaltung abzusagen und einen anderen Termin zu wählen. Ich entschied mich aber dann doch dazu, es einfach durchzuziehen. Im Prinzip lief auch alles ganz gut bis auf den Psychomotorik-Test. Alleine bei dem Wort hatte ich schon ein Grauen und so kam es, dass ich einfach total verkrampft an dem Gerät saß, an dem dieser Test durchgeführt wurde.
Am Ende des Tages wieder das alte Spiel des Wartens, Hereingerufenwerden in das Zimmer der Auswahlkommission. Sie beglückwünschten mich für meine hervorragenden Leistungen und fanden es bedauerlich, dass ich bei diesem einen Test – Psychomotorik – unterhalb der geforderten Grenze gelegen war, denn sie hätten mich sehr gerne im zweiten Tag gehabt. Dankeschön! Dasselbe alte Spiel – warten, bis alle anderen Mitbewerber ihre Ergebnisse hatten, dann zurück ins Hotel.
Einer der Kollegen, die ebenfalls eine Abfuhr erhielten, nächtige auch bei mir im Hotel und so haben wir uns dann für eine Stunde später verabredet. Kurz Familie und ein paar Freundinnen angerufen, ein bisschen geheult. Dann war es überstanden. Der Abend war total super. Wir sind durch das Hamburger Nachtleben spaziert, haben die Stadt genossen, Bier getrunken in einer Schiffkneipe auf der Binnenalster, gutes Essen genossen, unsere Lebensgeschichten erzählt und Pläne für deren Fortsetzung geschmiedet. Ich kam um 03.00Uhr morgens ins Bett und war nicht mehr deprimiert. Am nächsten Tag haben wir noch gemeinsam die Stadt angeschaut und sind dann sogar mit derselben Maschine nach München zurückgeflogen. 

Nette Stadtbesichtigung mit einem kleinen Nebenprogramm.

Am 15.10.2008 begann das Wintersemester 2007/2008. Ich hatte mich auch eingeschrieben. Falls es mit Lufthansa geklappt hätte, brauchte ich etwas zum Überbrücken der Zeit, bis es mit der Ausbildung losging. Für den Fall, dass es nicht klappen würde, wollte ich ein Semester überbrücken, um mir über die weitere Planung meines Lebens Gedanken zu machen. Daher habe ich mich für etwas eingeschrieben, das mich interessiert, was ich aber nicht zwangsläufig zu Ende studieren wollte. Theologie. Den Montag nach dem zweiten Lufthansa-Test habe ich dann erst mal damit verbracht, mir irgendwie einen halbwegs passablen Stundenplan zusammenzustellen. Beschäftigt hatte ich mich mit der Materie ja noch gar nicht. Dienstag dann das erste Seminar: Hebräisch. Interessant, aber ich hatte keinen Kopf dafür. Außerdem hatte ich ja die erste Woche wegen Hamburg II verpasst. Fünf Stunden Intensivkurs Hebräisch nachzuholen – fast unmöglich. Nach zwei Wochen habe ich es gelassen. Die Vorlesungen waren interessant, sehr sogar, aber so richtig konzentrieren konnte ich mich nicht auf den Stoff. Zu groß war noch die Sehnsucht nach dem Fliegen. 

Allerdings habe ich zwei tolle Freunde gewonnen in der Zeit. Benjamin und Katharina. Benjamin hat, wie ich, erst mal ein Semester in die Theologie schnuppern wollen, bevor er sich für ein Studium genau festlegen würde. Außerdem hatte er noch ein paar andere Eisen im Ofen, die er erst ausprobieren wollte. Wir sind vom Denken her sehr ähnlich und haben ein Jahr intensiv gemeinsam verbracht und dabei tolle Gespräche geführt. Nach Ausbildungsbeginn haben wir uns aber leider kaum noch getroffen. Katharina studierte ebenfalls Theologie auf Diplom, aber aus voller Überzeugung heraus. Anfangs habe ich sie nur ab und an gesehen und nur wenig mit ihr zu tun gehabt. Sie erzählt mir aber oft, dass ich ihr sofort aufgefallen bin. So ein ordentlicher Junge, sagt sie immer wieder, stets ordentlich und mit Hemd. In der Tat, zu dieser Zeit bin ich immer mit weißen Pilotenhemden rumgelaufen. Heute trage ich auch sehr gerne Hemden, aber in meiner Freizeit würde ich nicht mehr auf den Gedanken kommen, ein Pilotenhemd zu tragen. 

In der Uni-Zeit wurde auch die Überschrift geprägt. Fast jeder Junge, der fliegen will, aber nicht kann, antwortet auf die Frage, wie er zu dem kommt, was er nun macht, mit immer derselben Phrase: „Eigentlich wollte ich ja Pilot werden, aber… jetzt studier ich halt Theologie “. Das ging nicht nur mir so, sondern auch vielen Freunden. Warum das so ist – keine Ahnung. Wieso ich so darauf herumgeritten bin, dass ich eigentlich Pilot werden will, das aber nicht geklappt hat und ich nun deswegen an der Uni bin – ich weiß es nicht! 

Mit Katharina jedenfalls hat mich sehr schnell eine tiefe Freundschaft verbunden. Wir haben ein sehr ähnliches Denken, sie hat einfach ein riesengroßes Herz und gemeinsam haben wir viel geredet und diskutiert. Über Philosophie, über Moral, über Ethik, über Menschen, die Welt und das Leben. Sie hat immer so eine unbeschwerte Art, mit der sie mir schon oft gute Ratschläge und Mut gegeben hat, wenn ich mal wieder in einer Überlegung, einem Gedanken oder einem Problem festgefahren bin. Noch heute, und das freut mich sehr, ist unsere Freundschaft tief und fest, wenn wir auch oft wochenlang nichts voneinander hören oder uns monatelang nicht sehen. 

Nach dem Wintersemester Theologie hatte ich immer noch keine genaue Vorstellung davon, wie ich ins Cockpit kommen könnte. Daher hatte ich folgenden Gedanken: Wenn ich schon nicht tun kann, was ich will, muss ich wenigstens etwas tun, das ich kann oder in dem ich zumindest gewisse Fähigkeiten habe. Aus damaliger Sicht waren das zwei Dinge: Latein und Lehren. Umkehrschluss: Ich sollte Lehramt Latein studieren. Welches Zweitfach nehmen? Nun, so viele Kombinationen waren aus der Studienordnung nicht möglich, so entschied ich mich für Französisch und gegen die häufigste Kombination: Theologie. Allerdings habe ich nach wie vor die Theologievorlesungen besucht. Das Studium war im Prinzip auch wirklich interessant, die lateinischen Vorlesungen, die intensive Beschäftigung mit lateinischer Literatur, Crashkurs in Altgriechisch, die Aufbesserung der Französischkenntnisse (das waren die Aufbauarbeiten für das eigentliche Studium gewesen, erst im zweiten wollte ich dann richtig loslegen), Vorlesungen in Phonetik und Sprachgeschichte. 

Aber jeden Morgen am Bahnsteig (ich bin zwischen meinem Heimatdorf und der Uni in München tagtäglich gependelt) habe ich den Blick gen Himmel schweifen lassen und mir im Innersten gewünscht, jetzt doch nicht in die Universität fahren zu müssen, sondern doch in dem Flugzeug 12000 Meter über mir sitzen zu dürfen. Kurzum: Hoffnungsloser Fall! Nach einigen Wochen, als ich mich dann gerade mit dem Studium arrangiert habe und eigentlich dachte: „Hey, so schlecht ist es ja gar nicht!“ bin ich durch einen Freund, der den selben Traum vom Fliegen hegt wie ich, auf eine Flugschule in Frankfurt gestoßen, die mit der Frankfurter Sparkasse zusammenarbeitete und so den potenziellen Schülern die Möglichkeit gegeben ist, einen Kredit für die Ausbildung aufzunehmen, und das sogar ohne Sicherheiten oder Bürgen. Das klang interessant. Und hat mich nun wieder vollkommen aus der Bahn geworfen. In den folgenden Wochen habe ich mich genauer über die Flugschule informiert, Erfahrungsberichte gelesen, über soziale Netzwerke Flugschüler angeschrieben und versucht, mir ein Gesamtbild zu machen. Die Schule hörte sich interessant an. Unter dem Deckmantel und nach den Richtlinien der Lufthansa ausbildend, Theorie in Frankfurt, praktisches Training in Zadar (Kroatien), angeblich hohe Ausbildungsstandards und Vermittlung an Fluggesellschaften nach der Ausbildung. Aber auch Ausbildungskosten von 66.900€ exklusive Reise- und Unterhaltskosten wie auch Prüfungsgebühren. Sehr abschreckend. Ich habe lange hin und her überlegt, Plus-Minus-Listen erstellt, mit Benny und Katharina debattiert und stundenlange Diskussionen mit meinem Papa und Monica, meiner Stiefmutter, geführt. Mal war ich kurz davor, das Fliegen sein zu lassen, dann wiederum war ich sicher, dass ich diese Ausbildung machen würde. 

Schlussendlich hat mein Vater mich zu einer Entscheidung geführt. Er sagte, ich soll die Ausbildung einfach machen, währenddessen kann er mich finanziell unterstützen und für hinterher finden wir auch eine Lösung, falls es mit einem Job nicht sofort klappt. Egal, was und wie ich mich entscheide, er stünde hinter mir. Diese Sicherheit hat mich dann die Entscheidung treffen lassen, mich bei dieser Flugschule anzumelden und die Ausbildung zu machen. Endlich! Danke!      

Die letzten Wochen des Sommersemesters waren dann also gezeichnet von den organisatorischen und vertraglichen Angelegenheiten. Vertragsunterzeichnung bei der Flugschule und Vorstellung bei der Frankfurter Sparkasse in Frankfurt, Abschluss einer Fluguntauglichkeitsversicherung (also eine Art Berufsunfähigkeitsversicherung; das war eine Bedingung der Frankfurter Sparkasse für die Vergabe des Kredites) und Erlangen des flugmedizinischen Tauglichkeitszeugnisses (kurz: Medical – ist für jeden Piloten vorgeschrieben und muss jährlich durch eine Untersuchung beim Fliegerarzt verlängert werden). Dann natürlich Wohnungssuche im Rhein-Main-Gebiet, immerhin sollte es schon am 22.09.2008 losgehen mit Theorie in Frankfurt. Mit dem Ende des Sommersemesters 2008 hatte für mich auch das Suchen und Bangen ein Ende. Möchte man meinen.

Es war der 20.08.2008. Ich erfuhr, dass die Gesellschaft der Fluguntauglichkeitsversicherung mir eben diese verweigerte. Grund: Ich hatte zwei Monate vorher eine Operation an den Nasennebenhöhlen. Ohne Versicherung aber keinen Kredit. Und ohne Kredit aber keine Ausbildung. Und ohne Ausbildung kein Fliegen. Das versuchte ich meiner Sachbearbeiterin der Versicherungsagentur zu erklären. Ihr lapidarer Kommentar: „Das kann ich mir aber nicht vorstellen“. So kam ich also nicht weiter. 

Ich war am Boden zerstört. Papa und Monica waren an jenem Tag mit meinen Geschwistern im Freizeitpark Geiselwind. Ich habe lange gezögert, sie anzurufen, als ich es dann getan habe, konnte ich nur mit tränenerstickter Stimme hervorbringen: „Ich bin kein Flugschüler mehr“. Alles andere war unverständlich. Zu der Zeit hatte ich gerade vollzeit gejobbt bei McDonalds, war also praktisch nur in der Arbeit oder am Schlafen. Daher hat mein Papa für mich alle Hebel in Bewegung gesetzt, die es nur gab. Konsultieren von Sachverständigen, ein Bericht des Arztes, der mich operiert hat, einer von dem Arzt, der mich flugtauglich geschrieben hat. Nachforschen, ob es andere Versicherungen gibt. Unzählige Telefonate mit der Sparkasse. Noch mehr mit der Flugschule. Gespräche mit der Hausbank, ob ein eigener Kredit möglich wäre. Nervenaufreibende Tage. 

Das Limit der Flugschule war klar: Bis zum Freitagnachmittag, 29.08.2008 um 16.00Uhr, musste eine Entscheidung gefällt werden, da danach ein junger Mann auf der Warteliste meinen Platz im Kurs bekommen sollte. An diesem Tag hatten Papa und ich vormittags einen Termin bei unserer Hausbank. Negativ. Nochmal Gespräche mit Bank und Versicherung. Negativ. Um 16.00Uhr also das Telefonat zur Absage des Flugkurses. Die Ansprechperson der Flugschule meinte dann aber, dass sie an jenem Nachmittag ohnehin nichts mehr ändern würden und so bekam ich eine letzte Fristverlängerung bis Montag zur selben Stunde. Der Nervenkrieg ging weiter. Montagmorgen dann Post von meinem Fliegerarzt. Er habe der Versicherung ein Gutachten geschickt und überdies mit der Versicherungsärztin, die für meinen Fall zuständig war, gesprochen. Wir sollen uns bei ihr melden. Die Versicherung wäre nun bereit, mich zu versichern, allerdings seien die Nasennebenhöhlen ausgeschlossen. Soweit, so gut. Nun musste noch die Bank mitspielen. Anruf bei der Sparkasse. Natürlich müsse der Fall geprüft werden, sollte aber theoretisch machbar sein. Man würde am kommenden Tag entscheiden. Anruf bei der Flugschule – ein weiterer Tag Aufschub wurde gewährt. Am nächsten Tag dann grünes Licht von der Sparkasse. Sie akzeptierten die eingeschränkte Versicherung. Freude.  

Drei Tage später hatte ich alle Unterlagen schriftlich im Briefkasten. Die Ausbildung konnte beginnen. Ich war der glücklichste Mensch auf Erden.

Leidenschaft Fliegen. Was genau ist diese Leidenschaft für mich? Schwer zu sagen. Ein bunter Mix aus verschiedenen Dingen.                                                                                                                                

Zum einen die Faszination Technik. Damals wie heute finde ich es unglaublich, dass sich ein Flugzeug mit wahlweise mehreren hundert Kilo oder Tonnen Gewicht, so elegant und mit scheinbarer Leichtigkeit vom Boden lösen und in die Luft emporsteigen, tausende Kilometer Strecke in fremde Länder und Kontinente zurücklegen und schließlich wieder sanft und sicher auf den Erdboden zurückkehren kann. Dabei muss das Flugzeug viele Tonnen an Gravitationskräften erfahren, Temperaturschwankungen von angenehmen Temperaturen am Boden bis zu -60°C auf Reiseflughöhe aushalten und die ein oder andere harte Landung abfedern.                                                                                                                             

Zum anderen sind allein die Dimensionen eines Flugzeuges schon beeindruckend. Sogar die kleinsten Regionalflugzeuge sind tatsächlich relativ groß, von einem Langstreckenflugzeug mit gut 60 Metern Länge ganz zu schweigen. Wenn man neben einem Reifen steht, der so groß ist wie man selbst oder sich in ein Triebwerk stellt und die Arme ausstrecken kann, ohne den oberen Rand zu berühren, dann wirkt das ganze nochmal gigantischer. Ich finde es auch immer wieder faszinierend, dass man mit so kleinen Hebeln wie zum Beispiel den Schubhebeln, die eigentlich ganz unscheinbar wirken, so große Wirkungen erzielen kann, so große Kräfte kontrollieren.                                                                                     

Und dann bedeutet Fliegen auch Leidenschaft mit allen Sinnen. Von den optischen brauche ich wohl nicht zu erzählen. Auch die Akustik ist aufregend. Wenn man das Flugzeug betritt das leise Surren der Klimaanlage, die die Piloten kurz vor dem Triebwerkstart ausschalten und es still im Flieger wird. Dann das Starten der Motoren, das Aktivieren der elektrischen und hydraulischen Systeme, was ebenfalls ungewohnte Geräusche verursacht. Das kurze Aufheulen der Triebwerke beim Losrollen zur Startbahn. Dann, auf der Bahn, das Hochfahren der Triebwerke auf Startschub, zusätzlich der Windzug um das Flugzeug. Nach dem Abheben ein Rauschen, wenn das Fahrwerk eingefahren wird. Später wird es leise, Schub wird zurückgenommen. Beim Anflug dann das Surren des Motors für die Landeklappen. Ein Klacken, wenn das Fahrwerk ausgefahren wird. Nach der Landung das erneute Aufheulen der Triebwerke, wenn der Umkehrschub aktiviert wird. Aber auch fühlen kann man einiges. Ein regelmäßiges, periodisches Ruckeln beim Rollen, während des Starts vibriert das Flugzeug, der Schub drückt einen in den Sitz, nach dem Abheben geht ein kurzer Ruck durch das Flugzeug – man ist in der Luft. Ein kurzer Schlag, wenn die Klappen des Fahrwerkschachtes zuschlagen. Im Reiseflug ein sanftes Dahingleiten, manchmal vielleicht mit Turbulenzen gewürzt. Beim Landen dann spürt man das Einfedern des Fahrwerkes, kurz darauf greifen die Bremsen und man wird leicht nach vorne gedrückt. Und ist der Geruch an Bord eines Flugzeuges nicht auch ein ungewohnter? Eine Mischung aus verbranntem Kerosin, Kaffee, Öl, dem Parfum der Stewardessen, dem Bordessen und vielen anderen Nuancen? Herrlich!             

Schließlich die Kontinuität der Bewegung. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit beim Startvorgang muss der Flieger fliegen, komme was wolle. Für einen Startabbruch wäre danach die verbleibende Bahnlänge zu gering. Wenn man in der Luft ist, ist man in der Luft – man kann nicht einfach mal rechts ranfahren und anhalten, wenn ein Problem aufkommt, sondern man muss in der Bewegung Lösungen finden. Und auch während eines normalen Fluges gibt es einfach keinen Stau, kein Stehen, kein stockendes Vorankommen – man gleitet in einer kontinuierlichen Bewegung von A nach B. Natürlich kann es Verzögerungen in Form von Warteschleife geben oder Durchstartemanövern – aber in jedem Fall ist die Bewegung kontinuierlich.                                                                                                         

Auch wenn es heutzutage nicht mehr so lange Aufenthalte im Ausland gibt wie noch vor 30 Jahren, so ist es trotzdem immer interessant, an einem fremden Ort Station zu machen, einheimische Küche zu genießen, sich mit Menschen anderer Nationen zu unterhalten und ihre Geschichten zu verstehen und einfach das Flair der Stadt oder des Landes aufzusaugen und als Erfahrung im Herzen mit nach Hause zu nehmen.                                                                                                                                                           

Und schlussendlich ist der Himmel, die Luft, einfach ein besonderes Element. Mein Element. Dort fühle ich mich frei und zufrieden, oben in der Luft fühle ich mich wohl. Dort bin ich – in meinem Element.