(Luft)brückenbauer

Brückenbauen – Weg, Wahrheit und Leben

Im Juni 1948 begann die Zeit der Berliner Luftbrücke. Bis zum letzten Versorgungsflug im September 1949 wurden auf insgesamt 277.569 Flügen 2,1 Mio. Tonnen Fracht in das blockierte West-Berlin eingeflogen. Allein, dass dieses Projekt so kurz nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges von Amerikanern, Briten, Franzosen und Deutschen gemeinsam durchgeführt wurde, war eine Brücke zwischen einst verfeindeten Nationen. Die Luftbrücke war nicht nur eine Brücke großer humanitärer Hilfe, es war auch ein Weg, um eine ganz besondere Wahrheit zu vermitteln: Die Wahrheit des selbstbestimmten Lebens in Freiheit und Unabhängigkeit, das kein Regime durch Gewalt beschneiden kann.

Brücken bauen, das gehört auch zur Jobbeschreibung eines Papstes: Pontifex maximus, größter Brückenbauer. Keine einfache Aufgabe in letzter Zeit: Papst Franziskus muss Brücken bauen zwischen kirchlicher Tradition und der Lebensrealität des 21. Jahrhunderts. Benedikt XVI. hatte die undankbare Pflicht, eine Brücke zu bauen zwischen den Misshandlungsopfern und den Tätern, zwischen gelehrten und gelebten Werten der katholischen Kirche. Johannes Paul II. hat durch seine Brücken entscheidend am Fall des eisernen Vorhangs mitgewirkt. Paul VI. baute durch seine Versöhnung mit den Orhtodoxen eine Brücke zwischen Ost- und Westkirche. Johannes XXIII. baute mit seinem Zweiten Vatikanischen Konzil eine Brücke zwischen Rom und allen Nationen; er vermittelte zwischen Kennedy und Chruschtschow und baute so eine Brücke des Friedens. Und Pius XII. scheiterte zwar politisch als Brückenbauer, weil er das Nazi-Regime nicht stoppen und den Zweiten Weltkrieg verhindern konnte, hat aber dem deutschen Widerstand eine Brücke zu den Briten gebaut und Hunderte von Verfolgten in Rom versteckt und ihnen eine Brücke zum Leben gebaut. Die einfachste, kürzeste Brücke zwischen zwei Menschen zeigte uns übrigens Papst Johannes Paul I: Das Lächeln.

Große Männer mit großen Aufgaben. Päpste mögen zwar die größten Brückenbauer sein, aber nicht die einzigen: Ein jeder muss Brücken bauen. Und das ist heutzutage wichtiger denn je. Wir müssen globale Brücken konstruieren zwischen unserem Lebensstandard und den Bedürfnissen der Natur. Wir müssen, gerade nach dem Brexit, die innereuropäischen Probleme überbrücken. Wir müssen in Deutschland die Kluft überwinden zwischen dem Bewahren von Tradition und dem rückständigen Anspruchsdenken einer falsch verstandenen Freiheit. Nur durch unsere Brücken können wir als Gesellschaft gelingen. Keine einfache Aufgabe, aber wir dürfen uns dabei an dem wichtigsten Brückenbauer orientieren: Jesus Christus, der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er hat uns eine Brücke über die Sünde zurück zu Gott gebaut, er lehrt uns Gottes Wahrhaftigkeit und schenkt uns das ewige Leben.

Weg, Wahrheit und Leben – das gibt uns Anleitung zum Brückenbauen.

Der Weg. Wer sich auf den Weg macht, der sollte neugierig sein und ganz besonders offen und tolerant, auch mutig muss ein Brückenbauer sein und sich nicht vor den Abgründen, die uns trennen, fürchten.

Die Wahrheit. Ein Pontifex muss die Wahrheit kennen, er muss realistisch sein und realitätsnah. Er muss ehrlich sein zu sich selbst und souverän. Dann erst kann er richtig Maß nehmen, die notwendige Ausrichtung wählen und eine stabile Brücke bauen.

Das Leben. Schließlich sind Demut und Hingabe im Leben eines Brückenbauers essentiell, um das Gegenüber auch tatsächlich zu erreichen. Nur wenn wir uns selbst nicht zu wichtig nehmen – auch wenn uns Industrie und Gesellschaft einzureden versuchen, dass nur derjenige erfolgreich ist, der Autorität und Durchsetzungsvermögen besitzt – und ein offenes Ohr und Verständnis für das Gegenüber haben, erst dann können wir den Schlussstein für unsere Brücke setzen.

All diese Eigenschaften besaßen die Piloten der Berliner Luftbrücke. Deswegen war dieses Unternehmen so erfolgreich. Und ab und an haben sie eine weitere, sehr persönliche kleine Brücke zu den Bewohnern der Stadt gebaut, indem die Rosinenbomber Süßigkeiten an selbstgebastelten Fallschirmchen abwarfen und so ein Lächeln auf die Gesichter der Berliner zaubern konnten.